Die organisierte Kriminalität in Europa verändert ihr Geschäftsmodell und sie verdient damit mehr Geld als je zuvor. Während klassische Delikte wie Drogenhandel oder Produktpiraterie weiterhin existieren, verlagert sich ein wachsender Teil krimineller Aktivitäten auf ein Feld, das weit weniger sichtbar ist: Mehrwertsteuer- und Zollbetrug.
Der neue Jahresbericht 2025 der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA) zeigt das Ausmaß dieser Entwicklung. Demnach ermittelt die EUStA inzwischen in 3.602 laufenden Fällen – ein Anstieg von 35% gegenüber dem Vorjahr. Der geschätzte Gesamtschaden für EU- und nationale Haushalte beläuft sich auf 67,27 Milliarden Euro und hat sich damit innerhalb eines Jahres nahezu verdreifacht. Besonders alarmierend: Mehr als zwei Drittel dieses Schadens – rund 45 Milliarden Euro – gehen auf Betrug bei Mehrwertsteuer und Zöllen zurück.
Milliardenverluste durch Betrug bei Einnahmen der EU
Auf den ersten Blick dominieren zwar Fälle des Subventionsbetrugs die Ermittlungsstatistik. Rund 68% der laufenden Verfahren betreffen missbräuchlich verwendete EU-Fördermittel, etwa aus Strukturprogrammen oder Subventionen. Doch der finanzielle Schaden dieser Fälle liegt mit 18,67 Milliarden Euro deutlich unter dem der Einnahmebetrugsdelikte. Ganz anders bei Mehrwertsteuer- und Zollbetrug:
- 981 laufende Verfahren betreffen Einnahmebetrug
- Sie verursachen jedoch 67% des gesamten geschätzten Schadens
- Insgesamt etwa 45 Milliarden Euro
Das macht diese Delikte zur mit Abstand größten finanziellen Bedrohung für die öffentlichen Haushalte in Europa.
Organisierte Kriminalität entdeckt „legale“ Waren
Die Ermittlungen zeigen zugleich eine strukturelle Verschiebung im kriminellen Ökosystem. Kriminelle Netzwerke konzentrieren sich zunehmend auf den Handel mit legalen Gütern, statt auf klassisch illegale Märkte. Der Grund ist schlicht: Das Verhältnis von Gewinn zu Risiko ist außergewöhnlich günstig.
Während Drogenschmuggel oder Waffenhandel mit hohen strafrechtlichen Risiken verbunden sind, lassen sich Betrugsmodelle im Mehrwertsteuer- oder Zollbereich häufig über komplexe internationale Lieferketten und Unternehmensstrukturen verschleiern. Die Täter nutzen dabei etwa Scheinfirmen und Strohleute, manipulierte Import- und Zollangaben, Karussellbetrug bei der Mehrwertsteuer oder verschachtelte Handelsketten über mehrere Mitgliedstaaten. Aus rein nationaler Perspektive bleiben solche Strukturen oft schwer erkennbar, weshalb eine europäische Ermittlungsbehörde wie die EUStA eine zentrale Rolle spielt.
Wachsender Einfluss internationaler Netzwerke
Besondere Sorge bereitet den Ermittlern eine neue Entwicklung: groß angelegte Betrugsmodelle im Importhandel, bei denen Waren aus Drittstaaten in die EU eingeführt und anschließend innerhalb des Binnenmarkts weiterverkauft werden. Nach Beobachtung der EUStA spielen dabei zunehmend transnationale organisierte Gruppen eine Rolle, darunter auch Netzwerke mit starkem Einfluss aus China. Diese Gruppen nutzen gezielt Schwachstellen im europäischen Zoll- und Steuersystem, um Waren zu niedrigen oder falschen Werten anzumelden und so Abgaben zu umgehen.
Betrugsrisiken beim EU-Wiederaufbauprogramm
Ein weiteres wachsendes Ermittlungsfeld betrifft Mittel aus dem europäischen Wiederaufbauinstrument Recovery and Resilience Facility, dem zentralen Bestandteil des EU-Programms NextGenerationEU. Ende 2025 liefen 512 Ermittlungen im Zusammenhang mit diesem Fonds – ein Anstieg um 66,7% gegenüber dem Vorjahr. Da ein großer Teil der Mittel erst bis Ende 2026 ausgezahlt wird, rechnen Ermittler weiterhin mit einem hohen Risiko für Betrug und Korruption.

