Internationale Schiedsverfahren stehen zunehmend unter Druck. Geopolitische Spannungen, regulatorische Fragmentierung und wachsende Erwartungen an Transparenz verändern das Spielfeld. Gleichzeitig steigen Komplexität, Volumen und strategische Bedeutung grenzüberschreitender Streitigkeiten. Über die aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit berichtet Dr. Heiko Haller, Co-Chair der deutschen Dispute-Resolution-Praxisgruppe von Baker McKenzie.
DB: Herr Dr. Haller, welche Entwicklungen prägen derzeit die internationale Schiedsgerichtsbarkeit am stärksten?
Dr. Heiko Haller: Momentan dominieren drei Megatrends: Technologie, Geopolitik und regulatorische Komplexität. Unser Global Dispute Forecast 2026, eine Umfrage unter 600 Führungskräften in sechs Volkswirtschaften, zeigt: 80% der Unternehmen stufen Technologie- und Datenrisiken als wesentliche Bedrohung ein, 79% nennen Geopolitik und Handelspolitik, 78% operative Lieferkettenstörungen. Für die Schiedsgerichtsbarkeit selbst identifizieren 57% der Befragten Technologie und Datensicherheit als größte Herausforderung der nächsten drei Jahre, dicht gefolgt von Geopolitik (55%) sowie Kosten/Verfahrensdauer (54%).
Dabei tritt ein grundlegendes Paradoxon zutage: Technologie ist zugleich die größte Herausforderung und der wichtigste Lösungsansatz für die gegenwärtigen Herausforderungen, insbesondere wenn es um Kosten- und Effizienzthemen geht.
DB: Wie sieht es mit Cybersicherheit und Steuern aus?
Dr. Heiko Haller: Cybersicherheit und Datenschutz werden von 18% der Befragten als einzeln größtes Streitrisiko 2026 genannt – mit deutlichem Abstand vor Steuerstreitigkeiten (12%) und Handels-/Sanktionsstreitigkeiten (11%). Das überrascht mich wenig: Streitigkeiten entstehen meist in neuen Projekten oder bei überraschenden externen Ereignissen, wie in der Pandemie oder bei kriegerischen Ereignissen. Dazu gehören diese Themen nicht. Im Bereich Cybersicherheit dominieren technische Fragestellungen und regulatorische Risiken. Obwohl wir das Thema seit 2008 eng verfolgen, konnten wir in Deutschland bislang keine besondere Häufung von großen Streitigkeiten beobachten.
DB: Welche Rolle spielt der wachsende Einsatz von KI für Streitigkeiten im Jahr 2026?
Dr. Heiko Haller: KI verändert auch die Konfliktlösungspraxis fundamental. Einerseits können KI-gestützte Dokumentenprüfung, Legal Research und Verfahrensvorbereitung Kosten und Dauer erheblich reduzieren. So werten wir gerade KI-gestützt größere Stellungnahmen in einem IT-Rechtsstreit aus und sparen unserem Mandanten wochenlange Anwaltsarbeitszeit.
Andererseits stellen sich Fragen wie: Wann und wie muss ich KI-Nutzung gegenüber Gerichten und/oder Mandanten offenlegen? Wird die Vertraulichkeit bei der Nutzung von KI-Plattformen gewahrt? Hier sehen wir viele Entwicklungen, diese Risiken zu mitigieren und Leitlinien zu entwickeln. Schiedsorganisationen entwickeln bereits Leitlinien zur KI-Nutzung und zu Cybersicherheitsmaßnahmen. Parallel dazu wird mit „KI-Schiedsrichtern“ experimentiert (so kürzlich die AAA-ICDR). Zudem verschärfen DSGVO, nationale Datenschutzgesetze und EU AI Act die Compliance-Anforderungen für Unternehmen, was die Streitanfälligkeit erhöht.
DB: Wie wirken sich geopolitische Konflikte und Sanktionen konkret auf laufende und zukünftige Schiedsverfahren aus?
Dr. Heiko Haller: Diese Frage treibt viele Unternehmen gerade um, regelmäßig werden wir hierzu konsultiert. Russland hat sich mit neuen Gesetzen systematisch von der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit abgewendet: Schiedsvereinbarungen werden für unwirksam erklärt, Schiedsrichter aus „unfreundlichen Staaten“ als befangen eingestuft. Erst kürzlich hat Russland eine bekannte Schiedsrichterin zur Zahlung eines hohen Millionenbetrags verurteilt. Die EU wiederum untersagt die Anerkennung und Vollstreckung von Schiedssprüchen, die den EU-Sanktionen widersprechen. Recht wird hierdurch zum geopolitischen Instrument. Gleichzeitig führen die US-Zölle seit 2025 zu handelsrechtlichen Streitigkeiten mit Fragen zu Force Majeure, Hardship und Kostenverteilung. Deutschland und UK weisen mit (84%) die höchste geopolitische Exponierung unter den befragten Märkten auf.
DB: Weshalb stellen grenzüberschreitende Ermittlungen eine besondere Bedrohung für Unternehmen dar?
Dr. Heiko Haller: 82% der Befragten zeigen sich besorgt über grenzüberschreitende oder Multi-Agency-Ermittlungen im kommenden Jahr. Schwachstellen liegen vor allem in der Datensicherung und Forensik (52%) sowie der grenzüberschreitenden Koordination (48%). Die gleichzeitige Einhaltung von Datenschutz-, Offenlegungs- und regulatorischen Anforderungen über mehrere Jurisdiktionen hinweg stellt selbst erfahrene Organisationen vor erhebliche Herausforderungen. Eine Ermittlung, die in einem Land beginnt, kann rasch grenzüberschreitend expandieren und koordinierte Reaktionen erfordern. Zugleich wird es immer schwieriger für Unternehmen, alle einschlägigen Regularien einzuhalten. Ein weltweites Monitoring von Vorschriften, wie wir es Mandanten in Online-Übersichten anbieten, leisten sich nicht alle Unternehmen.
DB: Beobachten Sie eine zunehmende Politisierung von Schiedsverfahren und wenn ja, mit welchen Folgen?
Dr. Heiko Haller: Ja. Besonders betroffen sind Investitionsschutzschiedsverfahren. Staaten setzen die Schiedsgerichtsbarkeit zunehmend als geopolitisches Instrument ein. Das EU-Sanktionspaket, Russlands jurisdiktioneller Nationalismus und die zunehmende Verknüpfung von Investitionsschutz mit Klimapolitik sind Beispiele.
DB: Hat die Kritik an Investitionsschiedsverfahren das Vertrauen in das System nachhaltig beeinträchtigt?
Dr. Heiko Haller: Die Kritik hat Spuren hinterlassen: EU und UK haben sich vom Energiecharta-Vertrag zurückgezogen und der EuGH hat EU-interne Investitionsschiedsverfahren für unzulässig erklärt. Gleichzeitig legen staatliche Beteiligte zunehmend Wert auf mehr Transparenz. Damit bleibt die Investitionsschiedsgerichtsbarkeit ein wichtiger Konfliktlösungsmechanismus.
DB: Welche Bedeutung kommt Transparenzanforderungen in Schiedsverfahren mittlerweile zu?
Dr. Heiko Haller: Transparenz gewinnt zunehmend an Bedeutung und entwickelt sich zu einem zentralen Legitimitätsfaktor, vor allem für die Investitionsschiedsgerichtsbarkeit und vergleichbare Verfahren unter Einbeziehung staatlicher Akteure. In der Handelsschiedsgerichtsbarkeit hingegen bleibt der Wunsch nach Vertraulichkeit bestehen.
DB: Wie sieht es denn mit den Ressourcen für Streitbeilegungen aus?
Dr. Heiko Haller: 38% der Unternehmen halten ihr Budget für Streitigkeiten für unzureichend, weitere 39% nur für „gerade ausreichend“. 77% operieren ohne finanziellen Puffer bei unerwarteten Eskalationen und 55% nennen Finanzierungs- und Ressourcenengpässe als größte Hürde für ihre Streitbeilegungsbereitschaft. Knappe Mittel sind also nicht nur Budgetthemen, sondern zeigen, dass Unternehmen in wirtschaftlich herausfordernden Situationen eben nicht auf eingepreiste Puffer zurückgreifen können, sondern darauf angewiesen sind, ihre Ansprüche (ggf. rechtlich) durchzusetzen.
DB: Ändern sich die Erwartungen von Mandanten an Kosten, Dauer und Ergebnis von Schiedsverfahren?
Dr. Heiko Haller: 54% der Befragten sehen Kosten und Dauer als signifikante Herausforderung. Nach einer ICC-Statistik haben die Parteien es aber in der Hand, die Kosten zu beeinflussen, weil ungefähr 85% der Kosten des Schiedsverfahrens von Parteien verursachte Kosten sind. Wichtig ist daher, dass die Parteien auf eine effiziente Prozessführung und (interne) Fallaufbereitung achten.
DB: Sind alternative Streitbeilegungsmethoden wie Mediation eine echte Konkurrenz zur Schiedsgerichtsbarkeit?
Dr. Heiko Haller: Mediation ist weniger Konkurrenz als vielmehr eine wichtige Ergänzung. Eine Mediation kann Konflikte besonders effektiv lösen, v.a. soweit diese Streitigkeiten langfristige Geschäftsbeziehungen betreffen. Dann sind konsensuale Lösungen nachhaltiger und bewahren die Geschäftsbeziehung. In Ländern wie Deutschland, wo die Mediation noch kein etablierter Standard ist, bestehen jedoch weiterhin überraschend viele Vorbehalte, sodass Mediationsvereinbarungen häufig abgelehnt werden.
DB: Welche Bedeutung hat die Auswahl des Schiedsorts in einer zunehmend fragmentierten Rechtsordnung? Beobachten Sie eine Verschiebung der Bedeutung traditioneller Schiedszentren zugunsten neuer Standorte?
Dr. Heiko Haller: Die Wahl des Schiedsortes bleibt zentral: Er muss in einer „schiedsfreundlichen“ Jurisdiktion liegen, was sowohl für mögliche Aufhebungsverfahren als auch für die Unterstützung durch staatliche Gerichte entscheidend ist. Wichtig ist auch, wo ein Schiedsspruch vollstreckt werden müsste, allerdings lässt sich die Vollstreckbarkeit nicht über die Wahl des Schiedsortes beeinflussen. Insgesamt erkennen wir wenig Verschiebung, aber viele Orte versuchen, sich neben den etablierten Zentren zu positionieren (z.B. Tokyo, Riad). Politische Konflikte, etwa die Proteste in Hongkong und der daraus resultierende Trend hin zu Singapur, können zeitweise Einfluss haben, wirken aber meist nur kurzfristig.
DB: Wie gehen Schiedsgerichte mit der zunehmenden Komplexität technischer und wirtschaftlicher Sachverhalte um?
Dr. Heiko Haller: Schiedsgerichte werden wie auch in anderen Fällen mit Sachverständigen arbeiten. Hilfreich ist es, wenn man als Schiedsgericht mit einem eigenen Sachverständigen oder – soweit zulässig – „technical advisor“ arbeitet, sodass man als Schiedsrichter die richtigen Fragen stellt. Auch ist es hilfreich, Parteisachverständige gemeinsam zu vernehmen, um so die eigentlichen Streitpunkte besser zu verstehen. Lassen sich Fragen nicht aufklären, werden Schiedsgerichte nach Beweislast entscheiden. Faktisch wird allerdings das „story telling“ eine erhebliche Rolle spielen, also dem Schiedsgericht eine überzeugende, konsistente Argumentationslinie zu präsentieren.
DB: Wo sehen Sie die größten Risiken für die Akzeptanz der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit in den kommenden Jahren?
Dr. Heiko Haller: Wir sehen die größten Akzeptanzrisiken in drei Bereichen: Erstens in der Fragmentierung des internationalen Rechtsrahmens durch jurisdiktionellen Nationalismus. Bislang beschränkt sich dieser nur auf wenige Staaten, könnte aber potenziell weitreichende Folgen haben, wenn sich dieser auf wichtige Wirtschaftsnationen ausdehnt, die gegen die Schiedsgerichtsbarkeit vorgehen. Zweitens in der Spannung zwischen Investitionsschutz und regulatorischer Souveränität, verbunden mit steigenden Transparenzforderungen. Drittens sind Schiedsverfahren teuer und werden bisweilen als unzureichend effizient wahrgenommen, sodass Unternehmen häufig nach Alternativen suchen.
DB: Herr Dr. Haller, vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro
Interviewpartner:
Dr. Heiko Haller, Partner, International Arbitration, Leiter der deutschen Prozessrechtspraxis bei Baker McKenzie, vertritt Unternehmen unter anderem in internationalen Schiedsverfahren im Großanlagenbau und in Infrastrukturprojekten sowie in Pharmaprojekten und in der Informationstechnologie. Er ist auch regelmäßig Schiedsrichter. Rankings wie Juve, Chambers und Legal500 führen ihn als führenden Namen in der Schiedsgerichtsbarkeit.

